Hallo,
erstmal schönes neues Jahr.


Ich hatte Euch ja bereits mal angedeutet, dass ich im September auf einer Friedenskonferenz in Nairobi war.
Da waren jetzt Wahlen, deren Ergebnis vermutlich von dem amtierenden Amtsinhaber gefälscht wurde.

Bereits während des Wahlkampfes war es zum Teil zu gewalttätigen Auseinandersetzungen gekommen.

Dazu will ich Euch etwas erzählen, was ich während meines Aufenthaltes in Nairobi von jungen Bewohnern des größten Slums von Nairobi erfahren habe. undefined

Das Leben in Kibera, so heißt das Slum, ist davon geprägt, sich irgendwie durchzuschlagen. Jugendliche schließen sich oft zu Gangs zusammen, um gemeinsame Aktivitäten zu sichern: einige waschen beispielsweise die Wagen in einem bestimmten Straßenzug des Slum und sichern ihr Revier, zur Not auch mit Gewalt. Andere sind aber auch arbeitslos und hängen rum. Sie werden von Parteienvertretern gerne benutzt, um Mitglieder oder Anhänger anderer Parteien zusammenzuschlagen oder auch zu töten.

"Sie geben dir eine Waffe und sagen, die kannst du behalten, aber du musst den und den damit umlegen, paar Kenia Shillinge kriegste auch", erzählte mir ein Jugendlicher. Bevor sie gar kein Geld haben, machen einige Jungens dann einiges.

Es gibt jedoch auch Menschen, die versuchen, der Gewalttätigkeit entgegen zu wirken: z.B. Chemchemi Ukweli (Springbrunnen der Wahrheit), eine interreligiöse Organisation, die junge Leute, insbesondere solche  mit wenig Bildung, über ihre demokratischen Rechte aufklärt und darüber, wie sie die vorhandenen Konflikte in der Gesellschaft mit aktiver Gewaltlosigkeit angehen können. Sie bieten Workshops für Gewaltfreiheit an, sicher ein verwegener Gedanke in einer durch Armut und Not geprägten Gesellschaft.

Wie läuft so ein Workshop ab? Zunächst erzählen die 30 Teilnehmer/innen über ihre Erfahrungen mit Gewalt. Diese sind vielfältig: Lilian etwa beichtet, dass sie Angehörige anderer ethnischer Gruppen sozial ausgegrenzt, geschnitten hatte, eine Form der sozialen oder psychologischen Gewalt. Während die Jungen wie Fredrick oder Achieng von ihren Kämpfen mit Messern, Macheten, Spritzen oder Schusswaffen sprechen, berichten die Mädchen von ihren Erfah­rungen mit sexuellen Übergriffen. Die Teilnehmer/innen überprüfen anschließend in Rollenspielen ihre Verhaltens­weisen anhand konkreter Alltagssituationen. Die Trainer vermitteln dabei nicht nur die Effektivität des gewaltfreien Umgangs mit Konflikten, sondern auch die ethisch-spirituellen Dimensionen der 6 P’s, den Prinzipien von Chemchemi:

1. Promote the truth (Fördere die Wahrheit)

2. Protest the injustice (Protestiere gegen Ungerechtigkeit)

3. Penetrate the adversary’s conscience (Dringe in das Gewissen des Gegners vor)

4. Part from the injustice yourself (Entziehe dich der Ungerechtigkeit)

5. Pray (Bete)

6. Pay the price (Zahle den Preis für dein Engagement)


Im größten Slum, Kibera geht das Kibera Youth Programme for Peace abd Democracy (KYPPEDE) ähnliche Wege.

KYPPEDE versucht seit 1999 Netzwerke aufzubauen, um den Ausbruch gewaltsamer Konflikte vorab zu erkennen und zu verhindern, es will die Zusammenarbeit zwischen Polizei und Bürgergruppen verbessern, ein besseres Konfliktmanagement fördern und insgesamt ein Netzwerk kenianischer Friedensgruppen aufbauen.

Seinen Schwerpunkt legt das Programm darauf, die Jugendlichen davon abzubringen, Waffen, insbesondere Schusswaffen zu gebrauchen. Dabei arbeitet es eng mit der Internationalen Kampagne gegen Kleinwaffen zusammen.

 Auch Chemchemis Strategie ist es, die Bewohner zu aktivieren, Formen der Bürgerbeteiligung  zu initiieren, um so ein Forum zu schaffen, das die Politiker zwingt, sich um die Belange der Bewohner zu kümmern und damit die sozialen Ursachen der Gewalt anzugehen.

 „Gewaltfreiheit ist für mich eine Lebenseinstellung geworden“, sagt Achieng. „Dennoch überkommt mich manchmal noch der Gedanke, Gewalt auszuüben“, führt er fort. Gewaltfreiheit muss täglich praktiziert werden und das in einer Umgebung, in der sich das Überleben in den Slums weiterhin auf Gewalt gründet.

Die offensichtliche Wahlfälschung bei den Präsidentschaftswahlen vor ein paar Tagen hat die gewaltfreie Option nicht einfacher gemacht. Dennoch ist sie alternativlos.

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